Stolpersteine Rudolf-Ernst-Weise Straße

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Die vier Stolpersteine vor der Rudolf-Ernst-Weise Straße 20

In der Rudolf-Ernst-Weise Straße 20 (ehemals Königstraße 62), Halle (Saale) erinnern vier Stolpersteine im Boden vor dem Haus an die ehemaligen Bewohner Dr. Josef Schloß, Marie Klein geb. Schloß, Gretchen Schloß geb. Wiesengrund und Eva Schloß geb. Ambach.

Die Stolpersteine in Halle sind Teil des größten dezentralen Mahnmals weltweit, das an die Opfer der NS-Zeit erinnert.[1] Sie sind das Lebenswerk von Gunter Demnig[2], der die Steine selbst verlegt.


Die Stolpersteine[3][Bearbeiten]

Die Stolpersteine sind ein Projekt des Kölner Künstlers Gunter Demnig. Indem er vor ihrem letzten selbstgewählten Wohnort Gedenktafeln in Größe eines Pflastersteines in den Boden einlässt, erinnert er an Juden, Homosexuelle, Sinti und Roma, Zeugen Jehovas, Behinderte und politisch Oppositionelle, die von den Nationalsozialisten deportiert wurden und durch sie den Tod fanden.
Die Stolpersteine haben eine Messingoberfläche, auf der Name und Geburtstag des Menschen sowie das Deportationsjahr und der Todesort eingemeißelt sind.
1992 verlegte Gunter Demnig den ersten Stein in Köln. 2003 hat sich auch die Stadt Halle (Saale) dem Projekt angeschlossen und heute erinnern rund 140 Stolpersteine an die Opfer der Saalestadt. In Europa wurden bereits über 50.000 Stolpersteine an 500 Orten verlegt. Für sein Projekt erhielt er einige Auszeichnungen.

Familie Schloß[4][Bearbeiten]

Die ehemalige Villa Schloß in der Rudolf-Ernst-Weise Straße 20, 2016
Familie Schloß 1892 (Foto: privat)

1887 erwarb der jüdische Viehhändler Moritz Schloß das Haus in der Rudolf-Ernst-Weise Straße 20, damalige Königstraße 62. Mit seiner Frau Ellen Elise Schloß geb. Wormser und ihren acht Kindern zog er in die Gründerzeitvilla, die einige Stallungen beherbergte.

Moritz Schloß führte sein Unternehmen mit Erfolg, während sich seine Frau um den Haushalt kümmerte. Die Kinder Simon (*1866; † 1941), Josef (*17.10.1867 in Oberlauringen/Bayern; † 1940 in Halle (Saale)), Hugo (*1869; † 1918), Wilhelm (*1873; † 1929), Paula (*1875; †1972), Marie (*1877; † 31.Mai 1944 in Theresienstadt), Julius (*1879; † 1918) und Frieda (*1883; † 1980) wurden mit jüdischen Traditionen und Werten erzogen.

Moritz Schloß verstarb am 11.01.1907 in Halle (Saale) und die Söhne Simon und Wilhelm übernahmen das Unternehmen.

Simon blieb in der Villa wohnen und seine Ehefrau Eva Ambach zog ein.

Wilhelm und Gretchen Wiesengrund heirateten und zogen in die Maybachstraße 1. Ihr Sohn Hans wurde später Mitinhaber des Familienunternehmens.

1918 starb Sohn Hugo.

Auch Julius starb 1918 an den Folgen seiner Einsätze als deutscher Soldat im Ersten Weltkrieg und hinterließ Ehefrau Lotte Kirschbaum und Sohn Georg.

Josef studierte Medizin und eröffnete als Kinderarzt und Sanitätsrat eine eigene Arztpraxis in der Magdeburger Straße 30 (ehemals Hindenburgstraße 13). Seine Praxis lag unweit der Universitätsfrauenklinik. Die Stolpersteine vor der Magdeburger Straße 24 erinnern heute an sieben Sinti-Kinder, die dort geboren wurden und nach Auschwitz-Birkenau deportiert wurden.[5]
Josef Schloß blieb Zeit seines Lebens unverheiratet und kinderlos.

Paula zog mit ihrem Ehemann Josef Schlüchterer nach Köln und bekam dort zwei Töchter, Lilli und Elsa.

Marie bekam mit ihrem Mann Dr. Albert Klein drei Söhne: Ernst, Siegfried und Berthold.

Frieda und ihr Ehemann Dr. Max Lehmann, ein Rechtsanwalt, wurden Eltern von Tochter Ruth.

Ellen Elise, die Mutter der acht Kinder, starb am 07.04.1927 in Halle (Saale) im Alter von 86 Jahren.

Leben unter den Nationalsozialisten[6][Bearbeiten]

1933 gelangten die Nationalsozialisten an die Macht und auch Familie Schloß konnte vor den Folgen nicht bewahrt werden.

Im Boykottaufruf vom 1. April 1933 wurde der Name von Dr.Josef Schloß genannt.
Gretchens Sohn Hans wurde 1938 mit 38 Jahren ins Konzentrationslager Buchenwald deportiert.
Im selben Jahr wurde Josef Schloß, wie allen jüdischen Ärzten, die Approbation entzogen. 1938 sind von den praktischen Ärzten nur noch er und ‚Zahnbehandler‘ Leo Lewinsky in Halle (Saale) anwesend.[7]

Kurz darauf, im April 1939, musste er die Familienvilla im Rahmen der Arisierung abtreten, durfte dort aber weiterhin wohnen.

Die jüngste Tochter, Frieda und ihr Ehemann Dr. Max Lehmann wanderten 1939 nach Chile aus und trafen dort auf ihre Tochter Ruth.

Dr.Josef Schloß um 1920 (Foto: privat)

Josef Schloß schrieb am 14.10.1940 sein Testament und vererbte sein Vermögen nachdrücklich dem „nichtjüdischen“ Sohn seines Bruders Julius sowie einer „nichtjüdischen“ Großnichte und einem „nichtjüdischen“ Großneffen. Nach den Nürnberger Rassengesetzen der Nationalsozialisten galten diese als Halbjuden.

Am 25.11.1940 nahm er sich das Leben. Seine Schwester Marie war in seinen letzten Stunden an seiner Seite. Er sowie seine Eltern wurden auf dem jüdischen Friedhof in der Humboldtstraße 52 beigesetzt.

Marie Klein war inzwischen Witwe und hatte auch ihre beiden Söhne bereits verloren. Gretchen wurde ebenfalls enteignet und verlor so die Wohnung in der Maybachstraße. Ihr Mann verstarb bereits 1929. Ihrem Sohn Wilhelm gelang es, nachdem er aus dem KZ Buchenwald entlassen wurde, in die Niederlande zu flüchten. Evas Mann Simon starb 1941, so kam es, dass die die drei Frauen Marie, Gretchen und Eva gemeinsam in der Villa wohnten.

In der Villa nahmen sie befreundete Familien auf, die aufgrund der Arisierung enteignet wurden. Zu ihnen gehörten unter anderem Alfred Katz und die Familie seiner Tochter, Nathan und Minna Frankenberg, Fanny Aronsohn, die Eheleute Hermann und Selma Hellermann, Familie Oppenheim, Charlotte und Theodor Weiß, Otto und Frieda Pollak sowie die Hausangestellte Rosa Salomon.

Hermann Hellermann verstarb am 18.04.1942.

Fanny Aronsohn, das Ehepaar Weiß, Familie Oppenheim und Rosa Salomon wurden am 01.06.1942 nach Sobibor deportiert und kamen dort am 03.06.1942 ums Leben.

Gretchen und Eva Schloß, Marie Klein, Selma Hellermann sowie Nathan und Minna Frankenberg mussten am 26.06.1942 von der Villa in das sogenannte „Altersheim“ auf dem Gelände des Jüdischen Friedhofs in der Dessauer Straße 24, damals Boelckestraße 24, ziehen. Hier herrschte eine strenge Hausordnung, die von allen Bewohnern unterschrieben werden musste. So wurden Ort und Zeit für Einkäufe festgelegt und Besuche verboten.
Alle Bewohner, die als körperlich belastbar befunden wurden, mussten acht bis zehn Stunden in der Friedhofsgärtnerei oder im Straßenbau arbeiten.[8] Von dem Altersheim aus wurden Gretchen und Eva Schloß, Selma Hellermann sowie Nathan und Minna Frankenberg am 19.09.1942 in das Konzentrationslager Theresienstadt gebracht.


Nathan Frankenberg starb dort am 06.12.1942, als Todesursache wurde eine Lungenentzündung diagnostiziert.

Gretchen Schloß verstarb hier am 25.01.1943 im Alter von 66 Jahren. Ihr Sohn Hans überlebte.

Eva Schloß wurde am 15.12.1943 nach Auschwitz deportiert und starb dort.

Marie verstarb am 31.05.1944 in Theresienstadt mit 66 Jahren. Im selben Jahr starb ihr Sohn Siegfried in Amsterdam.

Minna Frankenberg überlebte als einzige der ehemaligen Bewohner der Villa Schloß und kehrte nach Halle (Saale), wo sie am 07.03.1961 im Alter von 89 Jahren verstarb.

Weblinks[Bearbeiten]


Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/stolpersteine-der-spurenleger-12788525.html FAZ: Stolpersteine - Der Spurenleger. Zuletzt aufgerufen im März 2017.
  2. http://www.gunterdemnig.de/index.php?id=1 Gunter Demnig. Zuletzt aufgerufen im März 2017.
  3. http://www.stolpersteine.eu Stolpersteine. Zuletzt aufgerufen im März 2017.
  4. www.zeit-geschichten.de Zeit-Geschichte(n) e.V. Zuletzt aufgerufen im März 2017.
  5. www.zeit-geschichten.de Stolpersteine Magdeburger Straße 24. Zuletzt aufgerufen im März 2017.
  6. www.zeit-geschichten.de Zeit-Geschichte(n) e.V. Zuletzt aufgerufen im März 2017.
  7. Jüdische Gemeinde zu Halle (Hrsg.) (1992): 300 Jahre Juden in Halle. Leben, Leistung, Leiden, Lohn. Halle: Mitteldeutscher Verlag. S. 496.
  8. Das Leben in der Boelckestraße 24 - Stolpersteine in Halle. Ein Film von Inga Dauter, Doreen Hoyer und Elisabeth Schinner. Studentinnen des Masters MultiMedia& Autorschaft an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.